Niederbieber und Umgebung im Jahr 259 nach Christi Geburt:

Die Germanen kommen !

von Albrecht Anhäuser

 

Auf der kleinen Anhöhe zwischen Aubach und Wied herrscht militärischer Alltag. Hier dienen Männer aus Britannien - wenn auch nach hier verschleppt - sowie Soldaten aus der Bretagne und Kelten vom Stamme der Sequaner. (Sequana liegt 30 km vom heutigen Paris entfernt). Ferner dienen hier noch Spanier, die als Reiter ausgebildet sind, dann noch die Römer selbst. Es gibt auch Soldatenfrauen und eine Zivilverwaltung. Die Vorgesetzten wohnen außerhalb des Lagers. Die Schmiede befindet sich am Aubach (Haus Cramer/Litz).

Keiner ahnt etwas vom nahen Ende, schleichen doch Späher- und Lauschposten seit geraumer Zeit durch den Lonzeberg, der daher seinen Namen hat (Lonzeberg = Beobachtungsberg). Sie proben den Ernstfall und legen die Signalroute fest: Vom Lager zum Lonzeberg über die Lauxeiche bis nach Rengsdorf. In die germanischen Wälder, wo Ur, Bär, Wolf und Fuchs zu Hause sind, ist Bewegung gekommen. Ein lange vorbereiteter und gut durchdachter Plan kommt zur Ausführung. Aufmarschgebiet ist an der Sieg bei Ei(ch)dorf und Daaden (Daaden = Treffpunkt mit Speeren). Dattenberg bei Hönningen ist das Ziel. Weil die Römer bei Hönningen eine Furt durch den Rhein haben, wird dieser Brückenkopf besetzt, damit von der anderen Rheinseite her keine Verstärkung hinzukommen kann. Somit kann auch keiner fliehen. Auch werden alle Wachtürme von Hönningen über Rockenfeld, Gebrannter Hof und Rodenbach niedergemacht. Den Weg von Rosbach/Sieg über Weyerbusch bis rechtsab nach Dattenberg kann man noch heute nachvollziehen.

Ein zweiter Treffpunkt ist Datzert, (das "roth" wurde 600 Jahre später drangehangen); von hier soll die Hauptstoßkraft ausgehen. Bis Bürder hat man Tage vor dem Angriff die Leitern hingeschafft (Bürden = Lasten/Leitern, um schneller über die Mauer zu kommen, woher Bürder seinen Namen hat.) Ein anderes Aufmarschgebiet ist von Dierdorf her (Tyr = Kriegsgott; Dierdorf = Kriegsdorf oder Kriegslager) und von Rengsdorf her, sowie von Anhausen her. Die angreifende Gruppe der Germanen hat die Aufgabe, die Wachtürme von hierher niederzumachen. Heute würde man sagen, das Ganze ist koordiniert; aber das Wort gab es damals noch nicht. Dafür gab es aber den "Zeitz", den Zeiteinteiler; von dem hing besonders der Erfolg ab. Am Kampf hier in Niederbieber im Jahr 259 waren beteiligt: Die Singamber, die Chatten und die Franken (nicht die heutigen Franken, sondern freie Männer, die die Römer nicht im Griff hatten); dasselbe gilt auch für die Alemannen aus dem süddeutschen Raum; - dann noch die Matibuchen: Das war ein verwandter Stamm der Sigammer.

Die Chatten, die man heute Hessen nennt, waren der Motor des Widerstandes gegen die Römer (Häß = Römerhassen). Die Leute, die Häß heißen, waren Agenten der damaligen Zeit. Sie suchten die germanischen Stämme auf und warben darum, beim Widerstand gegen die Römer mitzumachen. Ein besonderer Stamm waren die Thüringer; diese betrieben schon immer am Rhein die "Vorwärts-Verteidigung", hatten sogar Kampfschwimmer, um römische Schiffe an Land zu ziehen. Heute würde man die Thüringer als Eliteeinheit bezeichnen; sie waren stolze Krieger und trugen am Helm eine Feder vom Floß des Schwanes (Daher stammt der Name Floßfeder). Man konnte siegessicher sein, hatte ja Freunde im Lager und "Wut im Bauch". Die Römer hatten die Hessen tributpflichtig gemacht, das war 83 -85 und 87 -89 n. Chr. Die Hessen mußten sogar blonde Haare abliefern; davon wurden in Rom Perücken gemacht.

Zum abgesprochenen Zeitpunkt erschlug ein Freund im Lager den Wachhabenden, so daß dieser, wenn von den Wachtürmen her Alarm geschlagen würde, die schlafenden Soldaten nicht wecken konnte. Über die Wied wurden Zeichen gegeben, und aus den Verstecken heraus trat man zum Angriff an. Der Überlieferung nach soll ein Vorfahre aus dem Fürstenhaus Wied mit Namen Metfried mit als erster über die Mauer gesprungen sein.

Von der Dierdorf-Anhausener Seite war eine kleine Panne passiert: vielleicht war man doch nicht schnell genug an den Wachtürmen. Jedenfalls konnten die Wachhabenden noch nach Weitersburg signalisieren: "Die Germanen greifen an!" Als diese in Niederbieber angeritten kamen, war der Kampf im Lager bereits beendet. Als im Jahre 1791 die Mauern des Niederbieberer Kastells von beiden Seiten her freigelegt wurden, fand man an der Außenseite zur Melsbacher Straße hin (Flur "Landznußbäume") Waffen, die Freunde im Lager vergraben hatten. Diese fehlten damals bei der Verteidigung. Es galt vor allem, dem Gegner die Siegeszeichen zu entreißen. In der verlängerten Römerstraße/Ecke Weidenweg wurden bei der Bimsausbeute einige Frankengräber freigelegt. Bei einer Grabstätte fand man einen römischen Drachenkopf als Grabbeigabe. Vielleicht war dieser Tote der Held gewesen, der als erster über die Mauer gesprungen war oder die meisten Römer erschlagen hatte.

Die Gebeine des Wachhabenden und sein Stuhl wurden unter dem Gestein und dem Mörtel freigelegt, ferner Skelette in den einzelnen Gebäudeteilen. Eines ist sicher: Die Germanen haben die Römer nicht beerdigt. Ungewiß ist, ob schwere Kämpfe stattgefunden haben oder ob man sich gleich ergeben hat (vielleicht nur kurze Kämpfe in den Schlafräumen?). Durch die Bimsausbeute kamen Gräber von im Lager Verstorbenen mit Grabbeigaben und Münzen von Kaiser Commodus zu Tage. Ferner wurde ein Grabstein geborgen, den Eltern für ihren im Lager verstorbenen Sohn hatten anfertigen lassen; dies war ein Kelte aus dem Stamme der Sequaner.

Niederbieber war 259 n. Chr. ein großers Heerlager; man muß sich mal ins Bild versetzen, konzentrierte sich doch alles nach hier. Die angreifenden Truppen, die in weitem Abstand folgenden Ochsengespanne mit Verpflegung und kräuterkundigen Frauen, die die Verwundeten versorgten, dann die römischen Gefangenen; wahrscheinlich mußten diese bei der Neuansiedlung mit Hand anlegen. Diese Neuansiedlung erfolgte im weiten Umkreis von Niederbieber - nach Stammesangehörigkeit; dieses geht aus den vielen Dialekten hervor.

Mit Bestimmtheit sind die Familiennamen wie Britz (aus Britannien) und Bretz (aus der Bretagne) dem Römerkastell zuzuordnen, ebenfalls die Gründung von Rockenfeld. Leutesdorf soll sich aus dem Stamme der Leucer gebildet haben; diese waren Kelten und stammten aus Südgallien. Irlich hieß ursprünglich Irloche, das soviel bedeutet wie "Iren da". An der Reichelbachquelle und -bachlauf benannte man sich nach Sif, das war die Frau von Thor; daraus entstand (Sechendorf) Segendorf. Torney und Heddesdorf wurden in der vorigen Ausgabe erklärt (Anm.: Unser Niederbieber einst und jetzt, 11.Jahrgang).

Die Nordgermanen ließen sich an der heutigen Gemarkungsgrenze Rodenbach /Wollendorf nieder. Die Gemarkung dort "In den Asen" (damit zusammenhängend Asegrund", "Asels") wurde nach einer germanischen Götterfamilie benannt. Auch "Arzhohl" ist in diesem Zusammenhang zu sehen. (ASKR war in der germanischen Mythologie der erste Mann). Gemarkungen mit solchen Namen waren Siedlungsstellen mit Quelle und Bachlauf. Die Frau von ASKR hieß Embla. Eine nach ihr benannte Gemarkung finden wir nebenan beim Aussiedlungshof Fritz Melsbach ("Auf dem Emblarich" am Sennselbach). Auch an der Buchbachquelle war ein Weiler beim Vargehai (Var war die Göttin der Wahrheit und der Treue).

Diese Siedlung wurde vor ungefähr 900 Jahren aufgegeben. Ein interessanter Name ist der Maaswinkel in der Märkerschaft Feldkirchen. Der "Maaswinkel" versinnbildlicht und verkörpert den Aufbau und die Struktur der gesamten Welt. Die Römer waren vertrieben. Eine germanische Welt sollte entstehen. Sie bestand ja auch über 550 Jahre, bis Karl der Große mit seinen Truppen und Hilfstruppen hier an der Torney auftauchte. Da verging den Germanen das Lachen.

 

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