Seit 100 Jahren im Takt der Zeit
Am 10. November 1897 wurde die Uhr der evangelischen Kirche eingebaut
von Erhard Jung
Wer hat sich noch nicht an ihrem Glockenschlag orientiert ? Alle 15 Minuten ein vertrauter Klang. Aber welche Technik bewegt diese Zeitansage ? Keine Elektronik. Kein Computer. Die Uhr der evangelischen Kirche von Niederbieber schlägt mechanisch. Und dies seit mehr als 100 Jahren.
Vergangenen November (Anm.: Nov.1988) konnte man ihren Geburtstag feiern. Oder besser gesagt: Am 10. November vor 100 Jahren wurde sie eingebaut. Ihr Herz schlug freilich schon früher. Denn der Hersteller, die "Turm-, Hof- und Eisenbahnuhrenfabrik Weule" bei Hannover, testete zunächst das wertvolle Stück, bevor es nach Niederbieber kam.
Es gehört fast schon zum Ortsbild wie die Kirche selbst: das dunkle Zifferblatt mit seinen goldenen Zeigern. Von dort verläuft eine sage und schreibe fast 30 Meter lange Stahlwelle zu dem Uhrwerk. Es gibt im romanischen Turm der Kirche den Takt an, also in jenem Teil des Gebäudes, der bereits um 1200 entstand.
Kaum jemand dürfte Technik und Funktion wohl so gut kennen wie Rudolf Göller. Die alte Uhr ist längst sein Hobby geworden. Schon früher hat er den leider verstorbenen Schmiedemeister Hans Schellewald, alteingesessener Niederbieberer Handwerker und ausgesprochener Kenner der Uhr, begleitet, wenn einmal etwas repariert werden mußte. Doch ernste Schäden blieben Ausnahmen, das Uhrwerk läuft wie geschmiert - auch nach 100 Jahren. Quelle seines Antriebs, so erklärt Rudolf Göller, ist die Schwerkraft von drei Gewichten aus Gußeisen. Jedes wiegt stattliche 100 Kilo und hängt an einem langen Stahlseil. Per Hand müssen sie spätestens jeden sechsten Tag wieder nach oben gekurbelt werden. Sonst bleibt die Uhr stehen.

Es gibt natürlich noch mehr über ihr Innenleben zu berichten. Wir wollen e jedoch dabei belassen. Vielleicht können diese Zeilen über eine 100 Jahre alte Kirchturmuhr aber manchen veranlassen, in der Hektik des Alltags einmal innezuhalten, einmal nicht der Zeit nachzujagen. Sie ist kostbar. Und sie verrinnt unwiederbringlich. Die Kirchturmuhr läßt uns dies wissen. Alle 15 Minuten. Mit einem vertrauten Glockenschlag.
links Hans Schellewald - rechts Rudolf Göller an der alten Kirchuhr